Englischer Schaumwein: Kreide, Klima und ein später Start
Vor dreißig Jahren wäre der Satz „englischer Schaumwein" in einer Weinrunde ein Lacher gewesen. Heute steht er für eine der wenigen Weinbauregionen, die praktisch aus dem Nichts eine international ernst genommene Kategorie aufgebaut haben – und zwar ausgerechnet mit dem schwierigsten Produkt überhaupt.
Dieselbe Kreide, nur nördlicher
Die geologische Pointe ist der Ausgangspunkt der ganzen Geschichte. Die Kreideformation, die unter der Champagne liegt, zieht sich unter dem Ärmelkanal hindurch weiter nach Norden und tritt in Südengland als North Downs und South Downs wieder zutage. Es ist buchstäblich derselbe Untergrund: porös, wasserspeichernd, temperaturregulierend – und genau das, was Chardonnay und Pinot Noir für die Kombination aus Reife bei niedrigem Mostgewicht und hoher Säure brauchen.
Was lange fehlte, war die Wärme. Bis in die achtziger Jahre reichte die Vegetationsperiode in Sussex, Kent und Hampshire schlicht nicht aus, um die Trauben verlässlich reif zu bekommen. Der Klimawandel hat das geändert, und zwar in einem Tempo, das die Region selbst überrascht hat: Die Bedingungen in Südengland entsprechen heute etwa denen der Champagne in den achtziger Jahren.
Der Einstieg gelang gegen erhebliche Skepsis. Nyetimber pflanzte 1988 in West Sussex Chardonnay, Pinot Noir und Meunier – zu einer Zeit, als der englische Weinbau fast ausschließlich mit deutschen Kreuzungen arbeitete – und gewann mit den ersten Jahrgängen internationale Auszeichnungen. Ridgeview folgte 1995, später kamen Gusbourne, Wiston, Hambledon und viele andere dazu. Inzwischen liegt die Rebfläche in England und Wales bei mehreren tausend Hektar, und der weit überwiegende Teil der Produktion ist Schaumwein.
Wie diese Weine schmecken
Der prägende Zug ist Säure, und zwar mehr davon als in der Champagne. Das ist Segen und Problem zugleich. Junge englische Schaumweine wirken oft schneidend und unfertig, mit sehr klarer Zitrus- und grüner Apfelnote und wenig Fülle. Sie brauchen Zeit – und lange Hefereife, weil nur die Autolyse genug Textur aufbaut, um diese Säure zu tragen. Erzeuger, die drei, vier oder mehr Jahre auf der Hefe gehen, liefern entsprechend die überzeugenderen Weine.
In der Frühzeit wurde das über höhere Dosagen abgefangen, was den Weinen einen etwas plumpen Ruf einbrachte. Das hat sich gedreht; heute liegen die meisten ernsthaften Abfüllungen im Extra-Brut- bis niedrigen Brut-Bereich und verlassen sich auf Reifezeit statt Zucker. Aromatisch entsteht dabei ein eigener Ton: weniger Brioche als in der Champagne, mehr Zitruszeste, grüner Apfel, Quitte und mit Reife ein deutlicher Nuss- und Honigzug.
Wo die Kategorie heute steht
Rechtlich hat sich die Region sortiert. Sussex wurde 2022 als geschützte Ursprungsbezeichnung anerkannt, daneben existieren die weiter gefassten PDOs für England und Wales. Der Versuch, einen einheitlichen Markennamen für die Kategorie zu etablieren – Vorschläge reichten von „Britagne" bis „Merret", nach dem Arzt Christopher Merret, der das Prinzip der Zuckerzugabe zur Schaumbildung bereits 1662 beschrieb – ist bisher nicht durchgedrungen. Verkauft wird schlicht als English Sparkling Wine.
Preislich ist die Kategorie kein Schnäppchen und war es nie: Englische Flaschen liegen regelmäßig auf dem Niveau eines guten jahrgangslosen Champagners oder darüber, was an kleinen Erträgen, hohen Produktionskosten und dem hohen Anteil an Handarbeit liegt. Wer sie kauft, kauft keinen günstigeren Champagner, sondern einen deutlich säurebetonteren, kühleren Stil – und ein Stück laufende Weinbaugeschichte.
Häufige Fragen
Warum funktioniert Schaumwein in Südengland?
Weil dort dieselbe Kreideformation ansteht wie in der Champagne und das Klima inzwischen ausreicht, um Chardonnay und Pinot Noir bei hoher Säure reif zu bekommen.
Welche Rebsorten werden angebaut?
Überwiegend Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier, also die klassischen Champagne-Sorten.
Seit wann gibt es englischen Schaumwein?
Ernsthaft seit Ende der achtziger Jahre. Nyetimber pflanzte 1988 in West Sussex die ersten Champagne-Sorten.
Was ist die Sussex PDO?
Eine 2022 anerkannte geschützte Ursprungsbezeichnung für Weine aus East und West Sussex.
Wie schmeckt englischer Schaumwein im Vergleich zu Champagner?
Säurebetonter und kühler, mit mehr Zitrus und grünem Apfel und weniger Brioche. Er profitiert stark von langer Hefereife und einigen Jahren Flaschenalter.
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